Integrierte Erdsystemforschung

für das Anthropozän


Was ist das Anthropozän?

Das „Anthropozän“ – das heutige, sich noch entwickelnde Zeitalter, in welchem die Menschheit ein Hauptfaktor in der Entwicklung des Erdsystems geworden ist – stellt Gesellschaften und Verantwortungsträger auf allen Kontinenten vor Herausforderungen von zivilisationsgeschichtlicher Bedeutung. Der künftige Zustand der Erde und ihrer Ökosysteme hängt von den gesellschaftlichen Entscheidungen der kommenden Jahrzehnte elementar ab. Ein ökologisch stabilisiertes Erdsystem ist gleichzeitig auch Voraussetzung für Fortschritte auf zentralen Handlungsfeldern der nachhaltigen Entwicklung und damit Fragen wie verbesserter globaler Prosperität, Gerechtigkeit, Teilhabe und geopolitischer Stabilität.


Was bedeutet es für das Erdsystem?

Das Anthropozän stellt auch die Wissenschaft vor besondere Herausforderungen. Welche nichtlinearen Dynamiken bestimmen die Wechselwirkungen im Erdsystem, insbesondere in Hinblick auf die ökologische Integrität der Erde und ihrer Landschaften? Welche Kriterien trennen ein künftiges Heißzeit- oder Verwüstungsanthropozän vom holozän-artigen Anthropozän einer stabilisierten Erde? Was bedeutet es, die Erde im Anthropozän jenseits einer Begrenzung der Klimaerwärmung zu stabilisieren? Wo liegen wichtige umweltliche Fundamente nachhaltiger Entwicklung, an welchen sich die Politik orientieren kann? Und wie steht die Beachtung ökologischer Belastungsgrenzen im Verhältnis zu historisch entstandenen
und sich aktuell entwickelnden Megatrends der Gesellschaft, zum Beispiel in Hinsicht auf schädliche Stoffeinträge in die Umwelt, verschärfte Konkurrenzen um Landnutzung, oder die Rolle von Wertesystemen und Wissen für die Ausbildung gesellschaftlicher Präferenzen und damit künftiger Entwicklungspfade? Welche Auswirkungen hat ein sich entwickelndes Anthropozän auf Gesellschaften und ihre Strukturen, zum Beispiel in Hinblick auf Umweltmigration oder die von ihr bewohnten Landschaften, Nutzungs- und Siedlungsmuster?


Was bedeutet es für uns Menschen?

Gesellschaften sind im  Anthropozän mehr denn je auf eine evidenzbasierte, theoretisch und methodologisch sicher fundierte Forschung zu bestehenden und künftigen Entwicklungspfaden angewiesen. Ein fundierteres Verständnis der Komplexitäten in der Dynamik eines sich verändernden Erdsystems ist ebenso notwendig wie die vertiefte Erforschung der vernetzten Prozessabläufe in den menschlichen Gesellschaften mit Auswirkungen auf das Erdsystem und gesellschaftliches Wohlergehen. Die Bezeichnung „Anthropozän“ verweist schon im Begriff auf den „anthropos“, den Menschen. Dieser ist heute ein zunehmend vernetzter, sich digitalisierender, technologisch potenter und zahlreich werdender anthropos. In der bisherigen Forschung wurde der Mensch als interaktive, dynamische Komponente des Erdsystems jedoch vorwiegend als externalisierter Faktor in Form von Szenarien und „story lines“ behandelt. In Wirklichkeit stellen Gesellschaften vernetzte, über viele Ebenen hinweg strukturierte, reflexiv kommunizierendes Ökosysteme dar deren komplexe kollektive Dynamiken bislang selten explizit betrachtet wurden. Diese Dynamiken als einen festen Bestandteil und treibende Kraft im Erdsystem zu verstehen und in die Erdsystemanalyse zu integrieren wird somit als eine der Grundaufgabe angesehen um die Probleme des Anthropozäns zu verstehen und zu bewältigen.



© J. Henry Fair

Das Erdsystem besteht aus
positiven und negativen Rückkopplungsschleifen.

Schon kleine Veränderungen,
die durch den Mensch verursacht werden,
haben weitreichende Folgen
über alle Verbundssysteme und
globale Gemeinschaftsgüter hinweg.



Was bereits getan wird:

Wissenschaftlich liegen aus jüngster Zeit zwei zentrale Sachstandsberichte vor, welche als Ergebnis jeweils mehrjähriger Arbeit relevantes Erdsystemwissen auf internationaler Ebene und mit  Mandat der Vereinten Nationen zusammenfassen. Im Oktober 2018 legte der Weltklimarat IPCC seinen Sonderbericht zum 1.5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens vor. Im Mai 2019 legte der Weltbiodiversitätsrat IPBES die Zusammenfassung einer vor der Veröffentlichung stehenden Sachstandsberichten zu den globalen Ökosystemen, Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen vor.
Eine gemeinsame Analyse beider Berichte im Zusammenhang einer integrierten Erdsystemanalyse und die Vertiefung der Implikationen für ausgewählte Handlungsfelder gibt der Arbeit des Leibniz-Netzwerks "Integrierte Erdsystemforschung" (iESF) Orientierung.

 

 

 

Im politischen Bereich formuliert die an den Nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs) orientierte Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung: „Dem Leitprinzip der nachhaltigen Entwicklung zu folgen bedeutet für die Bundesregierung […] mit ihrer Politik gleichermaßen den Bedürfnissen der heutigen sowie der künftigen Generationen gerecht zu werden […] wobei die planetaren Grenzen unserer Erde zusammen mit der Orientierung an einem Leben in Würde für alle […] die absolute äußere Beschränkung vorgeben.“ Dies rückt eine Erforschung dieser „planetaren Belastungsgrenzen“ in das Zentrum auch der politischen Strategie. Hier ist die Klimadimension nur eine von einer Reihe anderer Dimensionen, welche zusammen den Zustand des Erdsystems und dessen Belastungsgrenzen beschreiben. Insbesondere ist die Frage der Integrität der Biosphäre eine neben dem Klima zweite Hauptsäule der Analyse des Erdsystems, die Frageschädlicher Stoffeinträge in die Umwelt eine dritte.

 

 

Unsere Ziele:

Ob man den Begriff „Anthropozän“ geologisch, erdsystemanalytisch oder als allgemeine Bezeichnung für die Epoche des globalen Wandel versteht, die Herausforderungen des „Anthropozän“ für die weitere Entwicklung demokratischer Gesellschaften innerhalb der überall sichtbaren ökologischen Belastungsgrenzen sind immens. Erforderlich ist in der Wissenschaft nun, einerseits die notwendigen Analysewerkzeuge zu entwickeln oder weiterzuentwickeln, andererseits in konkreten Problembereichen vertiefte Analyse bereitzustellen. Klimasystemanalyse muss zu einer umfassenderen Erdsystemanalyse weiterentwickelt werden, naturwissenschaftlich orientierte Erdsystemforschung durch sozial-ökologische Forschung zu Entwicklungspfaden und Lösungsansätzen erweitert werden. Auf allen diesen Bereichen besteht bereits Forschung, die Grundlagen sind vielfach gelegt, aber das Gesamtbild bleibt fragmentarisch.

 

 

 

Vor diesem Hintergrund legt das Leibniz-Netzwerk "Integrierte Erdsystemforschung" einen Schwerpunkt auf drei Themenbereiche,
welche für eine Erforschung des Anthropozäns von zentraler Bedeutung sind.

 


Das komplexe Erdsystem als einziges Habitat der Menschheit verstehen.

Das Erdsystem und seine komplexe Dynamik sind wissenschaftlich aus der Perspektive heraus zu erforschen,
dass diese Erde das einzige Habitat der Menschheit ist. Die sich entwickelnden neuen Zustände des Erdsystems im Anthropozän sind ohne Beispiel in der Geschichte der Menschheit und der Zivilisation.

 

Die Integrität der Biosphäre als Fundament nachhaltiger Entwicklung verstehen.

Eine Sicherung der ökologischen Funktionsfähigkeit der Erde ist die Grundlage künftiger gesellschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten. Diese Sicherung erfordert ein Regieren in ökologischen Grenzen und damit auf der Basis eines Konzepts ökologischer Nachhaltigkeit und pro-aktiver Anpassung.

 

Die Dynymik einer vernetzten, digitalisierten Menschheit
vermehrt in die Analyse des Anthropozäns einbeziehen.

Makroskalige Prozesse des kollektiven anthropos sind explizit in die Analyse des Anthropozäns einzubeziehen.