Nachhaltige Stadt-Landschaft-Systeme

Sprecher:

Dr. Barbara Warner | ARL, Hannover | warner@arl-net.de

Prof. Dr. Bernhard Misof | ZFMK, Bonn | b.misof@leibniz-zfmk.de



 

 

Wir haben den Biodiversitätswandel im Anthropozän als eine der wesentlichen Veränderungen des Systems Erde identifiziert. Der großflächige Wandel der Biosphäre, der das globale Verschwinden von Naturraum, die Rodung von Wäldern und die Ausdehnung von Siedlungen, landwirtschaftlicher Nutzfläche und auch Ödland zur Folge hat, ist komplex und seine ökologischen Konsequenzen sind im Detail bisher unzureichend erfasst.

 

Bürger, Medien und Politik sind aktuell für das Thema sensibilisiert und es besteht durchaus der politische Wille, eine erforderliche Verbundforschung zu fördern: Mit dem Bundesprogramm Biologische Vielfalt, der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt , der aktiven Beteiligung an der internationalen CBD Initiative, und zahlreichen nationalen Initiativen wie dem „Weißbuch Stadtgrün“ oder der Initiative „Naturschutzstrategie für Bundesflächen“ zeigt der Bund eine große Bereitschaft, sich für die biologische Vielfalt zu engagieren. Auch internationale Initiativen wie die Convention on Biological Diversity (CBD) mit einer wachsenden Zahl von mittlerweile 196 Vertragspartnern zeigen das grundsätzliche internationale Interesse an Schutz und nachhaltiger Nutzung von Biodiversität.

 

Kern des Problems ist die rasante Zunahme des Artensterbens, die zu nicht vorhersagbaren Veränderungen der Ökosystemleistungen bzw. der Ökosystemresilienz führen. Zusätzlich sind wir mit einem massiven Wechsel der Artenzusammensetzungen in unseren Ökosystemen durch invasive Arten und „domestizierte“ Ökosysteme konfrontiert.

 

Wir benötigen ein klares Verständnis der Ursachen des Biodiversitätswandels, um handlungsfähig zu werden bzw. zu bleiben. Drei wesentliche Komponenten der Biodiversitätsforschung können helfen, Ursachen des Wandels zu verstehen: 


(1) Wissenschaftlich begleitetes Artenmonitoring,
(2) Identifikation von Synergismen zwischen Fernerkundungsmethoden (Habitat Mapping) und lokaler Arterfassung, und

(3) Langzeitstudien zur Veränderung der Artenzusammensetzung und Habitatveränderungen.


Eine klare Identifikation der Ursachen und Mechanismen des Artenwandels wird es uns erlauben, gezielt Maßnahmen zu setzen, um unsere Lebensqualität auch für zukünftige Generationen zu gestalten. Dies umfasst auch eine nachhaltige Gestaltung ländlicher, urbaner und peri-urbaner Lebensräume. Zudem ist zu erwarten, dass durch ein vertieftes Verständnis der Ursachen die sozio-ökonomischen Effekte des Artenwandels wesentlich besser modelliert und damit vorhergesagt werden können, auch mit Auswirkungen auf die Nachhaltigkeit politischer Entscheidungen.
Natur- und Artenschutz sowie nachhaltige Landschaftsentwicklung können nicht ohne Berücksichtigung der Interessen von Land- und Forstwirten, den Fachplanungen, Kommunen und Verbrauchern stattfinden. Entscheidungen müssen jedoch auf der Basis verlässlicher empirischer Daten vorbereitet und getroffen werden. Um alle wesentlichen Faktoren zu berücksichtigen, die z.T. in mehrstufigen Wirkungskaskaden die Biodiversität verändern, muss die Expertise vieler Fachleute verzahnt werden. Folgende Fachgebiete sind relevant (die Liste lässt sich vervollständigen): Agrarforschung , Biogeochemie, Bodenkunde, Botanik/Geobotanik, Energienutzung (Biomasse!), Forstwissenschaft, Klimafolgenforschung, Landschaftsplanung, Limnologie/Hydrologie, Naturschutzbiologie, Ökonomie, Ökotoxikologie, Raumplanung und Raumentwicklung, Süßwasserökologie, Umweltchemie, urbane und ländliche Entwicklungsplanung, Zoologie.

 

 

Als Ergebnis soll eine Forschungsagenda entstehen, die von fachgebietsübergreifend erarbeiteten Arbeitshypothesen ausgeht und sich insbesondere am Bedarf der Erdsystemmodellierer orientiert. Kern der Forschungsarbeit wird die Etablierung von Forschung zum Monitoring und zur Identifikation der Ursachen des Artensterbens in Langzeitstudien sein. Diese Arbeiten werden uns zu einem verbesserten Verständnis der Reaktion von Ökosystem auf Umweltveränderungen und ihrer Resilienz führen. Dies ist eine notwendige Grundlage, um die Handlungsspielräume zu ermitteln. Ein unmittelbarer Beitrag dieser Forschung sollte die Überarbeitung der Nationalen Biodiversitätsstrategie von 2007 sein. Mit einer Überarbeitung dieses Handlungsratgebers soll die Bundespolitik in ihrer Rolle als wichtiger Akteur zum Schutz und zur Entwicklung von Biodiversität gestärkt werden.